Die Normierung von Machtstrukturen im Diskurs der Integration

 

Die Normierung von Machtstrukturen im Diskurs der Integration und das Potential des Widerstandes

Eine kritische Darstellung aus der Perspektive von Frauen/Migrantinnen

Luzenir Caixeta / Elisabeth Cepek-Neuhauser

 

Die Rede von Integration: eine Falacia

 

 

Thema dieses Artikels ist die Integration von Migrantinnen in den österreichischen Staat. Dazu möchten wir vorweg feststellen: Wir verwenden ungern den Begriff „Integration“, und wenn, dann mit klarer Abgrenzung: Wir positionieren uns als Teil der anti-rassistischen Diskussionen und distanzieren uns von der Multikulti-Diskussion, die mit einer Rhetorik des Dialogs und der Bereicherung über die real existierende soziale Benachteiligung, kulturelle Nicht-Repräsentation und politische Fremdbestimmung hinwegtäuscht, anstatt diese zu benennen. Die Fetischisierung, Exotisierung und „Verobjektivierung“ der Migrant/innen und Flüchtlinge sind Formen der Diskriminierung, in der die Ausbeutung der Andersheit für die eigenen Wünsche und Projektionen zur politischen Korrektheit erklärt wird. In den anti-rassistischen Diskussionen gibt es kein essentialistisches Verständnis von Ethnizität und keine binäre Vorstellung von kultureller Identität, die das Wir von dem Anderen, das Eigene von dem Fremden trennt und sich dabei in eine privilegierte Position setzt. Ethnizität ist keine angeborene Identität oder in uns schlummernde Eigenschaft, die als unser innerstes, wahres Ich unter dem Meer der Entfremdung auf uns wartet. Sie stellt keinen verloren gegangenen Kontinent des Bewusstseins dar, der wieder entdeckt werden könnte, sondern ist ein dynamisches Gebilde, das in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Antagonismen und kulturellen Repräsentationen ständig neu geschaffen wird (Ha 2004). 

Die Wahrnehmung der Vielfalt der migrierten Frauen und ihrer unterschiedlichen Positionen in der österreichischen Gesellschaft ist ganz zentral für die Behandlung des Themas. Fragen wie „welche Frauen?“, „woher kommen sie?“ oder „welche Art der Migration?“ helfen uns von der vorherrschenden verallgemeinernden, homogenisierenden und stereotypisierenden Sicht auf Migrantinnen in Österreich wegzukommen. Nach diesem Klischee werden Migrantinnen phantasiert als eine einheitliche Gruppe von unterdrückten, uneigenständigen, abhängigen Opfern, die keine eigenen Handlungsstrategien haben (Korun 2004). Die Vielfalt der sprachlichen Kenntnisse und Erfahrungshintergründe, die sozioökonomische Bedeutung, die Selbstorganisation u.a. werden dadurch verschleiert und unsichtbar gemacht.

Im Zuge einer postkolonialen[1] kritischen Betrachtung des Themas knüpfen wir an zwei antagonistischen Ausgangspunkten an:

1) Ausgehend von der Integrationsdebatte wird das Herz der Ausschließung (Exklusion) in Österreich angesprochen und die Logik des Normierungsversuches analysiert.

2) Ausgehend von der Realität von Migrantinnen und der Erfahrung von Selbstorganisationen von Migrant/innen (SOMs)[2] sollen die teilweise gegensätzlichen Überlebensstrategien aber auch die partizipative, domokratische und anti-rassistische „Integration“ (Inklusion[3]) sichtbar gemacht werden.

Trotz der gesellschaftlichen und rechtlichen Diskriminierungen geht es uns bei der „Integration“ von Migrantinnen um ihre Sichtbarmachung als handelnde Subjekte, die angesichts des ausschließenden Systems individuelle und kollektive Inklusionsstrategien entwickeln.

Um überhaupt von Integration reden zu können, müssen wir das internationale Phänomen der Frauenarbeitsmigration berücksichtigen, das nicht nur in den Herkunftsländern und -regionen verursacht wird, sondern auch eine Antwort auf den Bedarf und die Nachfrage innerhalb des reichen Europas/Österreichs ist. Ebenfalls muss von Gleichheit und Demokratie die Rede sein. Erst wenn es z.B. kein extrem restriktives Ausländerbeschäftigungsgesetz mehr gibt, das die Existenz der migrantischen Menschen regelt und verschiedene Klassen von Migrant/innen konstituiert, können wir von Einbindung zu reden beginnen. Solange es diese politische und rechtliche Basis nicht gibt und in die Diskussionnicht miteinbezogen wird, ist die Rede von Integration eine Falacia.[4]

Das Herz der Ausschließung in Österreich
Migrantinnen sind – auch wenn sie von der Mehrheitsgesellschaft meist als homogene Einheiten wahrgenommen werden – ziemlich heterogen und unterscheiden sich primär nach dem Rechtszugang (Aufenthaltsstatus und Arbeitsmarktzugang) und nach der Migrationserfahrung (aus welchem Grund, mit welchen Ressourcen, ob allein oder mit Familie). Andere differenzierende Faktoren sind u.a. sozial-strukturelle, ethnische, regionale, ideologisch-politische, religiöse, geschlechts- und generationsspezifische Merkmale. Am relevantesten sind – gerade für die phänomenologische Darstellung unseres Themas – die globale Kontextualisierung der Migrationsprozesse sowie die unterschiedlichen Rechtszugänge der Migrantinnen in Österreich. Die Frauenmigration nach Europa ist im stetigen Steigen begriffen. Mehr als je zuvor besteht seit den 1990er Jahren eine unleugbare Verbindung zwischen (Arbeits-)Migration und Geschlecht in der globalisierten Welt. Seitdem werden in der Sozialforschung häufig Begriffe wie „Frauenmigration“ und „Frauenarbeitsmigration“ verwendet.[5] Die zunehmende Migration und Feminisierung des Überlebenskampfes bzw. die Integration von Frauen in den weltweiten Arbeitsmarkt (und die damit zusammenhängenden Gesetze und Politiken) ist aktuellen Analysen zufolge nicht nur als Folge der ökonomischen Veränderungen zu verstehen, sondern sie beruht auch auf bestimmten Mustern und Eigendynamiken (Sassen 2002).

„Bezahlte Dienstleistungen von Migrantinnen sind vom aktuellen Kontext der Globalisierung von (prekären) Arbeitsverhältnissen stark beeinflusst und großteils Ergebnis der vielfältigen Umgestaltung des Produktionsprozesses in postfordistischen Gesellschaften: De-Industrialisierung, immaterielle Produktion, Feminisierung der Arbeit, transnationale Migration und die Mobilität von Kapitalinvestitionen“. (Caixeta 2006: Seitenzahl)

Die weltweite Konsolidierung der neoliberalen Marktwirtschaft hat eine Polarisierung der Ungleichheiten bewirkt, die große Sektoren der Bevölkerung betrifft, insbesondere Frauen und deren Kinder. Immer mehr Frauen aus Asien, Afrika, Osteuropa, Lateinamerika und aus der Karibik entscheiden sich,[6] in andere Länder zu migrieren, da sie im eigenen Land wenig bis keine Alternativen haben: „Frauen verlassen ihr Zuhause, um es zu erhalten“. (Morokvasic 1994). Deshalb ist die Frauenarbeitsmigration als Strategie des Widerstands gegen die durch die Systemtransformation entstandene Prekarisierung zu betrachten (Sassen 2002). Die Feminisierung der Armut, des Überlebenskampfes und der Migration ist unleugbar ein Phänomen, das mit der Globalisierung der Wirtschaft in Zusammenhang steht.[7] Damit gehen alte Rollenmuster zusehends verloren. Es sind nicht mehr, ausschließlich (wenn auch überwiegend) Männer, die zuerst migrieren, um dann nach einiger Zeit ihre Familien nachzuholen.

Als begünstigende Faktoren für eine Zunahme der Frauenmigration aus ärmeren Ländern gelten die soziale und geschlechtsspezifische Aufteilung der Arbeit sowie die „Fürsorgekrise“ im westlichen Europa, die die Nachfrage in den Industrieländern für Frauen als Dienstleisterinnen (Kranken-/Altenpflegerin, Sexarbeiterin, Köchin, Gehilfin, Hausfrau , usw.) erhöht. Weltweit migrieren immer mehr Frauen mit oder ohne Aufenthaltstitel, um den Bedarf im Dienstleistungssektor[8] abzudecken. Neben dem wirtschaftlichen Aspekt sind auch Rassismus und Sexismus als wesentliche Ursachen dieses Phänomens zu sehen. Das heißt, die Globalisierung des Weltmarktes schafft für Frauen Bedingungen, die es zulassen, Services als Pflegerinnen, Sexarbeiterinnen oder Haushaltsarbeiterinnen zu besseren Preisen zu verkaufen als in anderen Arbeitsbereichen. Dieses Profil entspricht der internationalen (sozialen und geschlechtsspezifischen) Arbeitsteilung. Die traditionelle Unterbewertung der Reproduktions- und Fürsorgearbeit plus diskriminierende, sexistische und rassistische Strukturen verhindern den freien Zugang von Migrantinnen zum formellen Arbeitsmarkt und schaffen äußerst prekäre Lebens- und Arbeitsbedingungen. (Castro Varela / Clayton 2003; Caixeta et al 2004; Lutz 2007; Sassen 2002).

System der Unterwerfung

Wenn wir von Integration sprechen, so müssen wir also auch von Integration in den formalen Arbeitsmarkt sprechen und dabei eben diese Mikro- und Makro-Ebenen sowie darin geltende gesellschaftliche Herrschaftsprozesse in unsere Beachtungen einbeziehen. Der Bereich der Bildungs- und Beschäftigungspolitik ist in Europa von zahlreichen Ausgrenzungsmechanismen geprägt. Studien zur Gouvernementalität sprechen in Anlehnung an Michel Foucault von einer neuen Form des Regierens des Sozialen, wo auf Basis institutionalisierter wie alltäglicher rassistischer Ein- und Ausschließungsmechanismen Ethnien als hierarchisierendes Unterscheidungsmerkmal fungieren (Gutiérrez Rodriguez 2003). Die verschiedenen Grade von Bürger/innenschaft in Europa beeinflussen die Arbeitsmarktpolitik, da sie differenzierte Formen von Ausbeutung ermöglichen.

„Gerade die Anbindung von Bürgerschaft an die Arbeit bzw. an eine Arbeitserlaubnis zeigt weniger den Effekt einer Migrationssteuerung als den einer tendenziellen Illegalisierung der am meisten mobilen und mobilisierten Arbeitskräfte Europas“. (Yun / Patulova 2007: 14)

Das hierarchische System der Unterwerfung beruht vor allem aber auch auf einer Kategorisierung von Migrantinnen aufgrund ihrer Herkunft. Für den rechtlichen Status einer Migrantin in Österreich ist ihre Herkunft von zentraler Bedeutung. Entscheidend ist, woher sie kommt, ob aus der alten EU, aus den neuen EU-Ländern oder von außerhalb der „EU-Insel“ (vgl. hierzu den Beitrag von Johannes Peyrl). Daraus leiten sich die wesentlichen Unterschiede in Bezug auf ihren Rechtszugang sowie für ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen ab. Grundsätzlich gilt: Die Verschärfungen 2006 haben die Situation der Migrantinnen noch weiter verschlechtert. Die Koppelung des Beschäftigungsrechtes an den aufenthaltsrechtlichen Status und das abgestufte System von beschäftigungsrechtlichen Titeln schaffen unterschiedliche Kategorien von Migrant/innen. Ein Umstand, der die rechtliche Situation von Migrantinnen nicht nur schwächt, sondern in sämtliche Lebensbereiche hineinwirkt und ihre Prekarität im gesellschaftlichen, privaten wie beruflichen Leben verschärft.

Die Schlechterstellung von Migrantinnen und die Reproduktion von diskriminierenden Strukturen vollziehen sich in Österreich darüber hinaus tendenziell analog zu den bestehenden hegemonialen Strukturen und werden bei der Vergabe von Arbeits- und Ausbildungsplätzen sowie Repräsentationsfunktionen besonders sichtbar (ANAR 2007). Zusätzlich festgelegte Kontingente sowie das Primat der Inländer/innenbeschäftigung[9] verfolgen das Ziel, die Arbeitsplätze von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft zu schützen und die Beschäftigung von MigrantInnen einzig volkswirtschaftlichen Interessen unterzuordnen. Der wirksame und gezielte Ausschluss von MigrantInnen aus der legalen Beschäftigung stabilisiert die Wirtschaft, „sie dienen als Puffer und stille Reservearmee“ (Duttweiler 2006).

Selbst Migrantinnen, die einen rechtmäßigen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, sehen sich mit starken Benachteiligungen auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt konfrontiert, insbesondere wenn es um den Zutritt zum qualifizierten Arbeitsmarkt geht. Eine systematische Dequalifizierung von Migrantinnen geht fließend vom Bereich der Bildungs- und Berufsberatung in die Realität des Arbeitsmarktes über und fördert die starke Segmentierung am Arbeitsmarkt (Sadjed et al 2007). Diskurse im Zusammenhang mit Integration präsentieren strukturelle Ausgrenzung im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt jedoch häufig als Folge und Ergebnis subjektiver Defizite und klammern dabei die rechtlichen Rahmenbedingungen aus.

Im Vordergrund: Verwertbarkeit

Im Gegensatz zu einem Fokus auf strukturell und gesellschaftlich verankerte Mechanismen der Diskriminierung wird in den letzten Jahren vermehrt Augenmerk auf einen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mehrwert durch die Einbeziehung von Migrantinnen gelegt. Während auf der einen Seite Organisationen um die Verbesserung des Zugangs der Migrantinnen zum formalen Arbeitsmarkt kämpfen, schmücken sich Unternehmen mit Leitbildern und Konzepten, die ihre Unternehmen als „interkulturell“ und „weltoffen“ darstellen sollen. Der Diskurs basiert jedoch auch in Österreich vornehmlich auf neoliberalen Positionierungen, die ihr Hauptaugenmerk auf einer ökonomischen Vermarktung von sogenannten „Humanressourcen“ zur Sicherung von Wettbewerbsvorteilen legen. Selbst kritische Positionierungen zur restriktiven Beschäftigungspolitik in Österreich knüpfen ihre Argumente und Forderungen nach einer Liberalisierung des Arbeitsmarktes an demographische Entwicklungen und an Lücken in Beschäftigungssektoren.

Im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen und Lösungsvorschlägen steht weniger die Frage danach „wer hat Zugang wozu“, sondern danach „wer hat was dem Arbeitsmarkt anzubieten“. Der Verweis auf interkulturelle Kompetenzen steht eng im Zusammenhang mit einer „Verwertbarkeit“ oder „Kapitalisierung“ von Ressourcen und verspricht eine höhere Produktivität. Der neoliberale Begriff des Diversity Managements leistet ein deterministisches Festschreiben kultureller Unterschiede im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt: die Verwaltung von Vielfalt mit dem Ziel ökonomischer Vermarktung, die Wettbewerbsvorteile vorsieht (Yun / Patulova 2007).

„Gemeinsam ist Strategien wie ‚Diversity Management‘ und ‚Gender Mainstreaming‘, dass sie im Grunde depolitisierend wirken. Denn der politische Kampf wird als angebliches Antidiskriminierungsinstrument an offizielle Institutionen weitergegeben, dis sich nur wenig für die makropolitischen Rahmenbedingungen interessieren.“ (Castro Varela / Dhawan 2007 47)

Hinzu kommt das kapitalistische Versprechen, wer Leistung erbringt wird auch entsprechend belohnt. Im Mittelpunkt dieser Logik steht das Individuum . Die neoliberale Rhetorik blendet aber Konfliktpotenziale durch hegemoniale Interessen aus und präsentiert eine Welt der win-win-Situationen, unter der Annahme dass diese für alle Menschen gleichermaßen zugänglich wäre, wenn sie voller Selbstverantwortung agierten.

„Objektiv bestehende Macht- und Ausgrenzungsverhältnisse werden bagatellisiert, der institutionelle Rassismus und der Rassismus in den gesellschaftlichen Bewusstseinsstrukturen, in den sogenannten Selbstverständlichkeiten des common sense bleiben unerwähnt, und die Folgen der Ausgrenzungspraxen werden den Betroffenen als Individualschuld zur Last gelegt: mangelndes Selbstwertgefühl, mangelnde Emanzipation, mangelnde Selbstdisziplin, mangelnde Selbstverantwortung… Das Defizit ist also individuell (oder ethnisch bedingt und somit kulturell), liegt bei ihnen und dem können / sollen sie Abhilfe durch die Zauberformel ‚Empowerment‘ aus dem EU-Vokabular schaffen.“ (Sadjed et al 2007, 9)

Integration und Normierung

Um die Logik zu analysieren, die hinter der Integrationsdebatte als Normierungsversuch steht möchten wir einige Faktoren wie Subjektivierungen, Privilegien, Hierarchisierungen und Machteffekte als konstitutives neo-koloniales Element der Normalisierung von Machtstrukturen darstellen.[10] Nicht nur strukturelle Barrieren produzieren Ausschluss, sondern auch Diskurse und soziale Distributions- sowie Distinktionsmechanismen innerhalb der hegemonialen Theorie und Praxis, die sich in rassistischen Kategorisierungen und Ausschlüssen, sprich Exklusion, ausdrückt. Dazu gehört auch die Selbstanalyse, inwieweit man unhinterfragt Normen folgt und damit eine gewisse Komplizenschaft herstellt: ein Pendeln zwischen Objektivismus und Subjektivismus, Kritik und Selbstkritik sowie zwischen Privilegien und Umverteilung.

Die Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Auffassungen zum Verhältnis zwischen objektiver Determination und subjektiver Autonomie bzw. zwischen sozialer Lage und Bewusstseinsentwicklung ist für Migrantinnen von speziellem Interesse: Kennzeichnendes Merkmal der Diskussion um die Integration ist ein besonders ausgeprägter Gegensatz zwischen Objektivismus und Subjektivismus: Es scheint ein Postulat des Zwangscharakters der sozialen Tatsachen gegenüber den nunmehr ausgelieferten Migrantinnen zu geben und eine Sichtweise, die die Bedeutung der symbolischen Kämpfe in den unterschiedlichen politischen und kulturellen Handlungsfeldern (Bildungssystem, Medien; Kulturpolitik etc.) unterschlägt. Die Mehrheitsgesellschaft sieht sich als objektive Instanz zur Kontrolle und Benotung der sogenannten „Integration“ der Migrantinnen – gerade so, als ob alle Österreicher/innen die gleiche Sicht und dieselben Kriterien hätten und eine objektive Wahrheitsinstanz wären, vom souveränen Standpunk eines äußeren Beobachters aus, der sich in einer anderen sozialen Wirklichkeit, wie in einem Schauspiel, befindet.

Die Spaltung zwischen Subjektivismus und Objektivismus und diese Tendenz zur Verabsolutierung gehören als derart unreflektierte Haltung hinterfragt,[11] um zu einer adäquaten Problemlösung zu gelangen und den alten Gegensatz von Theorie und Praxis bzw. die Opfer-Täter-Diskurse zu überwinden. Die SOMs weisen auf die Tatsache hin, dass die NGOs selbst Player im Spiel des Rassismus und der Ausgrenzung sind und keineswegs nur Zuschauer/innen.

Die Überwindung der Dominanzkultur

Antirassistische Positionen haben immer politische wie theoretische Grenzüberschreitungen im Blick: Von welchem Standpunkt aus wird welche Politik gemacht? Wie, warum und von wem werden Diskriminierungserfahrungen gemacht? Es geht um die bewusste Überwindung der weißen Dominanzkultur, von Organisationsstrukturen mit paternalistischer Mission gegenüber „den Anderen“. Die systematische Einbeziehung und kritische Reflexion der sozialen Situierung und des Verhältnisses von Rassismus-Sexismus und Integrationspolitik im Rahmen einer „postkolonialen Kritik“ ist dringend notwendig, um Macht- und Herrschaftsformen verstehen und angreifen zu können. Dabei spielen die SOMs eine wesentliche Rolle.

„Bei Selbstorganisationen von Migrantinnen geht es um orientierte/orientierende Selbstvertretung – und nicht um eine (durch die Mehrheitsgesellschafter) institutionalisierte, oft gut gemeinte und die eigenen hegemonialen Mechanismen vergessende, Stellvertretung. Dieses Prinzip geht davon aus, dass die „Betroffenen“ am besten ihre Bedürfnisse kennen und Darstellungs- und Umsetzungsformen entwickeln können, welche Arbeitsfelder in Ökonomie, Bildung und Kultur aufschließen helfen. Die Unterstützung von aktiven Partizipationen in/durch SOM können Machtgefälle zwischen Mehr- und Minderheiten reduzieren.“ (wip-work in process 2006)

An diesem Punkt setzen wir an und versuchen, nicht mehr in einer pater/maternalistischer Mission über „die Anderen“ zu reden, sondern vielmehr die (auch eigenen) Verstrickungen in solche Machtverhältnisse zu reflektieren, die dieser Sichtweise zu Grunde liegen. Dabei kann Foucaults Konzept der Parrhesia helfen, als „eine Form von Kritik, […]in einer Situation, in der der Sprecher sich in einer untergeordneten Position hinsichtlich des Gesprächpartners befindet“ (Foucault, 1989) und sich dadurch einer Gefahr durch mögliche Sanktionen aussetzt:

„… die Funktion der Parrhesia ist es nicht, jemand anderem die Wahrheit darzutun, sondern sie hat die Funktion von Kritik. Parrhesia ist keine Eigenschaft/Kompetenz/Strategie einer einzigen Person, sondern eine Verkettung von Positionen im Rahmen der Beziehung zwischen der Kritik des parrhesiastes und der dadurch hervorgerufenen Selbstkritik. Parrhesia zeigt sich nicht als Kompetenz eines Subjekts, sondern als „Bewegung zwischen derjenigen Position, die nach der Übereinstimmung von logos und bios fragt und derjenigen Position, die angesichts dieser Befragung Selbstkritik übt.“ (Raunig 2004)

Eine seriöse Auseinandersetzung mit „Integration“ und Demokratie braucht Parrhesia als doppelte Strategie: als Versuch der Involvierung und des Engagements in einem Prozess der riskanten Widerrede, und als Selbsthinterfragung. Schauen wir uns das Terrain der Politik und Kultur näher an: Die Reproduktion von Hegemonieverhältnissen[12] resultiert aus der Selbstverständlichkeit, mit der Politik und Kultur von Mehrheitsösterreicher/innen gemacht und konzipiert werden. So scheint die hegemoniale Theorie und Praxis keine Hautfarbe und kein Geschlecht zu haben, die rassistische und sexistische Struktur wird auf diese Weise unsichtbar gemacht.

Gute Beziehungen und soziale Netzwerke stellen für die Mitglieder aus den hegemonialen Gruppen Distributionskanäle dar. Die Zugangsberechtigungen in Entscheidungs- und Führungsinstanzen werden in diesem Umfeld verhandelt und vergeben. In diesem Zusammenhang taucht die Frage auf, wie es kommt, dass in den vorherrschenden informellen Netzwerken im Wissenschafts- und im Kulturbereich kaum Migrant/innen, Schwarze oder Flüchtlinge vertreten sind. Nur in einigen Fällen, etwa wenn Stellen im Themenbereich Migration und Rassismus ausgeschrieben werden, finden die Bewerbungen von Migrantinnen Beachtung. Gerade die festen und gut dotierten Positionen im Migrationsbereich werden noch zu 95% von Weißen besetzt. Auch die Posten der Ausländer/innenbeauftragten sind fest in Händen dieser Gruppe. Die Erfahrung von SOMs zeigt, dass „Migrantinnen sich nicht einem ‚Schicksal‘ der aufgezwungenen Ausgrenzung unterwerfen. Sie rebellieren, widerstehen und suchen über die gegebenen Zweideutigkeiten und Grenzen hinaus nach Alternativen für die Inklusion – ein Potential des Widerstands und der Suche nach einer alternativen Ethik angesichts des antiethischen Systems der globalen Marktwirtschaft und ihrer Auswirkungen.“ (Caixeta / Salgado 2001, 137) Wie Zygmunt Bauman betont, sind es gerade die Fremden, die Migrant/innen, die die Freiheit aus der Ungewissheit ihrer Identität schöpfen. Indem sie geographische, politische und kulturelle Grenzen überschreiten, verstoßen sie (gegen) das moderne Bedürfnis nach einer fundierten Kollektivbiographie, verweigern sie sich dem Bekenntnis, einem festen Territorium anzugehören und eine unveränderliche Identität zu besitzen (Ha 2004).

Obwohl es weder eine gemeinsame, d.h. übereinstimmende, noch eine einzige Migrationserfahrung und -geschichte gibt, ist es zum Erkennen wesentlicher Unterschiede zunächst wichtig, darauf zu insistieren, dass ein Kernbestand an grundlegenden Erfahrungen existiert. Ihre Existenz in den subalternenPositionen der Einwanderungsgesellschaft, wo sie sich mit repressiver Ausländerpolitik und sozioökonomischer Benachteiligung auseinander setzen müssen, ist eine fundamentale Erfahrung, die sie miteinander teilen (Ha, 2004). Trotzdem die von den Migrantinnen entwickelten Strategien für den Umgang mit dieser Ausgrenzung und Diskriminierung gehen grundsätzlich in zwei Richtungen: (1) die gegensätzlichen Überlebensstrategien der Selbstethnisierung/Assimilierung und (2) die anti-rassistischen Widerstandstrategien der Selbstrepräsentation.

1. Gegensätzliche Überlebensstrategien: Selbstethnisierung und Assimilierung

Um rassistische und sexistische Diskriminierungen und Angriffe zu vermeiden, wird von vielen Migrantinnen eine Art Selbstethnisierung betrieben. Diese Selbstethnisierung ist eine Reaktion auf das Scheitern ihrer Assimilierungsbestrebungen. Neben der Fremdethnisierung durch staatliche Ausländerpolitik, rassistische Stereotypen und folkloristische Multikulti-Diskurse leistet auch die Selbstethnisierung der Migrant/innen einen Beitrag zu einem Prozess, in dem ihre vielfältigen kulturellen Identitäten auf eine einzige ethnische Identität reduziert werden.

Angesichts einer übermächtigen rassistischen Dominanz, die eine der gesellschaftlichen Hierarchien ethnisch etikettiert, versuchen sich viele Migrant/innen unter Verleugnung ihrer Herkünfte unsichtbar zu machen. Durch die Anpassung an herrschende Kultur- und Sprachstandards, durch die Akzeptanz weißer Schönheitsideale, durch eine sozioökonomische Anspruchslosigkeit und politische Verzichtsleistungen streben sie nach einer wesensgleichen Übereinstimmung mit dem rassistischen Subjekt. Im Rahmen dieses pragmatischen Arrangements, das den Weg des geringsten Widerstandes geht, gibt es kein Entkommen aus der rassistischen Unterscheidung (Ha, 2004). Daher erweisen sich Assimilierung und Selbstdisziplinierung wie ethnische Identität und Rückkehrorientierung als ambivalente Überlebensstrategien.

2. Anti-rassistische Widerstandstrategien

Aber es gibt auch bewusste, kritische, anti-rassistische Widerstandstrategien von handelnden Subjekten und organischen Intellektuellen (Antonio Gramsci), die auf Selbstvertretung[13] sowie auf symbolische und politische Intervention auf gesellschaftlichen und kulturellen Ebenen abzielen. Die in SOMs organisierten Migrantinnen sehen sich als aktive Subjekte ihrer eigenen Befreiung und gesellschaftlichen „Integration“ und hinterfragen mit ihrer Praxis und Theorie die Migrations- und Integrationsvoraussetzungen der Mehrheitsgesellschaft: Sie kritisieren den neoliberalen Utilitarismus, wenn es um die Modernisierung des antiquierten Nationalstaats geht und den Wunsch mächtiger Medienkonzerne, neue Märkte zu erschließen und potenzielle Konsument/innen zu binden; und wenn es um die Ausbeutung der kulturellen Kompetenzen der Anderen und die Ausnutzung der als fremdartig empfundenen Differenz als exotische Zutat für langweilige, veraltete und unattraktiv wirkende Produkte im kapitalistischen Verwertungsprozess geht, sofern diese Differenz als schmückendes Ornament ins Radical-Chic-Konzept passt oder durch den Nachweis von Authentizität zum weltläufigen Flair beiträgt (Ha 2004). Die SOMs fordern dazu, die übliche reduktionistische Polarisierung „Täter versus Opfer“ zu überwinden, die häufig dann zur Anwendung kommt, wenn die Situation ausgeschlossener Gruppen – wie beispielsweise Frauen und Migrant/innen – analysiert wird. Gefordert wird eine differenzierte „Kriteriologie“, die unterscheidet zwischen der strukturellen Ebene eines Systems, das Opfer zu Sündenböcken für die Probleme der reichen Welt macht (Form), und der Ebene der Identität (Wesen), worin die Migrant/innen zwar Opfer als Betroffene des Systems, nicht aber Opfer in einer essentialistischen Sichtweise sind. Sie schlagen eine Dekonstruktion des Begriffs der Identität als etwas Festgelegtes vor und weisen jeden Eurozentrismus zurück. Sie repräsentieren sich selbst und machen sich sichtbar in der Gesellschaft. Sie fordern symmetrische Beziehungen und Respekt (Caixeta / Salgado 2001).

Wer am Rand lebt, wird am ehesten mit anderen kulturellen Zwischenräumen konfrontiert, kann sich nicht verwurzeln, sodass sie (oder er) frei und fähig ist, sich auf das jeweils Andere einzulassen und sich darauf hinzubewegen (Anzaldua 1987). Solche Grenzgänger/innen haben ein kreatives Potenzial, weil sie die ihnen zugeteilte Opferrolle ablehnen und in ihrer kritikfähigen und unbequemen Position zwischen den Kulturen vermitteln können. Sie besitzen keine feste eindeutige Identität und sind dadurch in der Lage durch vielfältige Kulturaneignung multiple Identitäten zu entwickeln. Der Ansatz multipler Identitäten geht mit einer kulturellen Praxis einher, die es uns erlaubt, verschiedenen Kulturen und Gemeinschaften zur gleichen Zeit anzugehören. Menschen, die sich weigern, ausschließlich das eine zu sein, und sich unterschiedlichen Orten, Geschichten und Identitäten verbunden fühlen, können die willkürlichen und damit veränderbaren Grenzen zwischen den Kulturen und Nationen mit ihrer Uneindeutigkeit sukzessiv auflösen (Ha 2004).

Dazu bedarf es der Bildung einer neuen Kultur der Migration, die auf einer Politik der Differenz basiert und das Recht auf Selbstkonstruktion und -repräsentation anerkennt. Die SOMs haben gelernt, anstatt die Marginalität zu bedauern, die den Migrantinnen zugewiesen wird, diese als einen Ort zu begreifen, von dem aus Politik gemacht wird. So gesehen steht Marginalität nicht länger ausschließlich für das kollektive Leid und die gesellschaftliche Ohnmacht, sondern kann auch einfach nur bedeuten, nicht im imperialistischen Zentrum zu stehen, das die Begegnung mit dem Anderen meist als Chance zur Eroberung, Unterwerfung und Kolonisation verstanden hat. Sich nicht im Zentrum dieser Praxen zu befinden, ist eine große Erleichterung und geht mit dem Erkennen einer kulturellen Freiheit einher, die Selbstbestimmungspotenziale in sich birgt.

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Die Autorinnen:

Luzenir Caixeta ist Mitbegründerin der Migrantinnen-Selbstorganisation maiz (www.maiz.at), wo sie als Koordinatorin des Sozialbereichs, als Beraterin und als Wissenschaftlerin tätig ist. Darüber hinaus Tätigkeit als Lehrbeauftragte und freie Autorin. Studium der Philosophie undBefreiungstheologie in Brasilien. Promotion in Sozialethik in Österreich, wo sie seit 1995 lebt. Forschungs- und Interessensschwerpunkte: feministische und antirassistische Zusammenhänge zu migrantischer Prekarität, sozialer Wandel und Migrationsforschung.

Elisabeth Cepek-Neuhauser ist Mitarbeiterin in maiz und im Rahmen von EU-Projekten zu den Themenschwerpunkten Arbeitsmarkt und Frauenmigration tätig: Equal-Projekt „Rasmigras“ (Entwicklung eines Curriculums zur Vorbereitung von Migrantinnen auf den Einstieg in den österreichischen Arbeitsmarkt), Leonardo da Vinci Projekt „PreQual“ (Entwicklung eines Curriculums zur Vorqualifizierung von Migrantinnen für den Einstieg in den Gesundheits- und Pflegeberuf). Derzeit im Rahmen des Leonardo da Vinci Projektes/Innovationstransfer: „PreQual-steps“ (www.maiz.at; http://www.prequalonline.org). Studium der Publizistik/Kommunikationswissenschaften und Fächern internationaler Politikwissenschaft in Wien und mehrjährige Tätigkeit im Bereich der Menschenrechtsarbeit.
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[1] „Postkolonial“ ist eine Analysekategorie der historischen, politischen, kulturellen und diskursiven Aspekte des unabgeschlossenen Kolonialdiskurses. (Ashcroft et al 1995) Die für unser Thema relevante Interpretationsstrategie von „postkolonialer Theorie“ gründet auf der Auseinandersetzung mit dem Schwarzen Feminismus, der kolonialen Geschichte Deutschlands und der antirassistischen Politik. Postkolonialismus ist darauf aus, die Konsequenzen des kolonialen Diskurses in seinen komplexen imperialistischen, patriarchalen und rassistischen Manifestationen herauszufordern und Repräsentationsstrategien zu subvertieren. Im Kontext von Migrations- und Asylpolitik betont Postkolonialität nach Encarnación Gutiérrez Rodríguez eine „historische und insbesondere diskursive Verfasstheit, in der sich nicht nur die Bundesrepublik, sondern ganz Europa befinden“. (Steyerl / Gutiérrez Rodríguez 2003)

[2] Unter SOM (Selbstorganisation von MigrantInnen) verstehen wir nicht nur formalisierte Beziehungen unter MigrantInnen in Form eingetragener Vereine, sondern auch informale Beziehungen wie Gruppen, Projekte und Netzwerke. (vgl. hierzu wip-work in process: 2006)

[3] Der Begriff „Soziale Inklusion“ wird von uns im Sinn der Sozialethik verwendet, als Gegenpol der Exklusion. Inklusion wird durch Empowerment oder den Widerstand gegen die neoliberale Globalisierung, die eine anti-ethische Exklusion von Massen – die sogenannten „unnützlichen Menschen“ – schafft, erreicht (Caixeta: 2001).

[4] „falacia“ (lat. fallacia) bezeichnet in der Logik den Fehler des willkürlichen Schlusses. Der Fehler besteht darin, dass die zu beweisende These nur scheinbar aus den Argumenten hervorgeht, während tatsächlich aus diesen Argumenten eine andere These folgt oder gar nichts zu folgern ist.
[5] Die Forschung zu Migration, Ethnizität und Geschlecht hat sich seit den 1960er Jahren deutlich verändert. Die bis in die 1980er Jahre dominanten Sichtweisen und speziell die Reduktion der Migrant/innen auf ihre ‚Kultur‘ und ‚ihre Herkunft‘ sind zwar nicht vollständig verschwunden, doch hat sich eine breite kritische Diskussion zu diesen Ansätzen etabliert. Es gibt in Europa eine Fülle von Forschungsarbeiten, in denen den Prozessen der Konstruktion von Geschlecht und Ethnizität in der Migration nachgegangen wird.

[6] Für die Diskussion über die Freiwilligkeit und „Autonomie der Migration“ siehe Gregor Samsa 2004, ; Hardt / Negri 2003

[7] Die Mehrheit der Migrantinnen unterstützt mit ihrem Einkommen die Familien in ihren Herkunftsländern, aber auch den nationalen Staatshaushalt des Gastlandes sowie des eigenen Landes (Sassen 2002) Die Migrantinnen erfüllen somit eine tragende Rolle in der internationalen Wirtschaft und stellen außerdem ein wichtiges internationales Netz für den Prozess der Migration her. Die internationale Arbeitsmigration der Frauen ist ein Element der Weltwirtschaft, das von den reichen Ländern kontrolliert wird und welches bei der Armut in den Ländern, aus denen die Frauen kommen, eine extrem wichtige Rolle spielt (Caixeta, 2004).

[8] die sog. Fürsorgearbeit, die sich meistens in der Verkettung Haus, Pflege und Sexarbeit konzentriert

[9] Das Primat der Inländerbeschäftigung legt fest, dass Behörden vor Erteilung einer Beschäftigungsbewilligung zu eruieren haben, ob eine Tätigkeit durch Inländer/innen oder andere „integrierte Ausländer/innen“ ausgeführt werden könnte. Bei anstehenden Entlassungen sind die Unternehmer/innen gezwungen, zuerst ausländische Arbeitskräfte abzubauen (§ 8 Abs. 2 AuslBG).

[10] Für diese Analyse danken wir Tania Araujo (siehe auch Araujo 2008).

[11] Eine solche unreflektierte Positionalität ist auch eine Art subtiler Form der Diskriminierung, die sich kontinuierlich (re-)produziert.

[12] „Die herrschenden sozialen Gruppen setzen ihre Vormachtstellung (Hegemonie) nicht nur mittels repressiver Staatsapparate durch, sondern insbesondere durch die Bildung eines Konsenses im Bereich des Diskursiven (…) Hegemonial ist demnach eine soziale Gruppe, wenn sie auf den beiden Ebenen der Politik und des Zivilen herrschend ist. Die Subalternen sind einerseits vom herrschenden Kräfteverhältnis ausgeschlossen, andererseits konstitutiv für ihre Herausbildung. Nur mittels der Unterwerfung der Subalternen konstituieren sich die Herrschenden als hegemoniale Gruppe.“ (Gutiérrez Rodriguez, 2003)

[13] Ein Beispiel: „maiz positioniert sich für die Stärkung der Selbstvertretung von Migrantinnen u.a. durch die Strategie der Allianzenbildung. Die kritische Reflexion der Geschlechter-, Ethnien- und anderer Herrschaftsverhältnisse – auch in internen Auseinandersetzungen – ist dabei ebenso selbstverständlich, wie der Subjektstatus jeder Person und damit ein Paradigmenwechsel von der Viktimisierung zum Protagonismus von Migrantinnen.“ (http://www.malmoe.org/artikel/verdienen/668, Zugriff am 10/12/2007)

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